Heute ist ein besonderer Tag und ich wünschte, meine Oma könnte ihn mit mir gemeinsam feiern.

100 wäre sie geworden und ich weiss, wie wir diesen Tag begangen hätten.


Ganz ruhig und ohne Tamtam, den Gratulationsparcour hätte sie höflich über sich ergehen lassen und auch den Besuch des Pfarrers hätte sie geduldet. Es hätte ihren selbstgemachten Apfelkuchen gegeben und ich hätte noch Torte dazu gemacht und die ganze Zeit darauf gehofft, dass der Besuch mir genug übrig lässt. Und wenn alle weg gewesen wären, hätte sie geschimpft, dass die alle da waren.
Aber im tiefsten Inneren hätte sie sich gefreut..

Familie wäre ausser meiner Schwester und meinem Sohn nicht anwesend gewesen, denn sie hat alle ihre Geschwister überlebt. Der Gedanke daran hat sie manchmal sehr traurig gemacht und ich weiss, sie fühlte sich einsam und zurückgelassen, aber das hätte sie nie zugegeben.

Leider konnten wir diesen Tag nicht gemeinsam feiern, am 21.5. 2007 wurde sie mir weggenommen.

Gerne wäre ich heute zum Friedhof gefahren, doch da dafür 400 Kilometer gefahren werden müssen und wir Coronaregeln haben, ging das leider nicht. Und nun habe ich heute schon den ganzen Tag das Bedürfnis, ihrer zu gedenken, indem ich ihre Geschichte aufschreibe, denn ich bin die letzte Person, die die Biografie meiner Oma noch kennt.

Leider hat mein Halbbruder ja vorletztes Jahr unbefugt das alte Familienfotoalbum nach dem Tod meines Vaters an sich genommen, so dass ich über keine alten Bilder mehr verfüge.

Das älteste Bild, was ich habe, stammt von 1946 und wurde während der heimatlosen Zeit in Berlin aufgenommen.

Das Leben meiner Oma

Am 18. April 1921 wurde meine Omi in Ostpreußen geboren.

Sie hatte 4 ältere Schwestern und 2 Brüder, einen jünger, einen älter. Das Haus war traditionell, aber nicht lieblos, ich habe auch später immer wieder die Verbundenheit der 5 Schwestern bewundert.

Die Mutter war strenger als der Vater und sorgte für Struktur und Regeln…der Vater war eher der Gemütliche, typisch ostpreußische Ruhe.

Hauswirtschafterin ist sie gewesen und hat in verschiedenen Haushalten gearbeitet.

Im Krieg hat sie meinen Opa geheiratet, er schick in Uniform, als er auf Heimaturlaub war und sie bekam einen Sohn, meinen Vater.

In den Kriegsjahren hat sie ihre Heimat verloren, die ganze Familie wurde auseinander gerissen, der jüngste Bruder fiel in Russland und mein Opa wurde in Frankreich bei der Panzerdivision schwer von Granatsplittern am Rücken verletzt.

Meine Omi hat ihn in Königsberg abholen müssen… Mit Bollerwagen hat sie ihn die letzten Kilometer gezogen, weil er noch nicht richtig laufen konnte. Er hat dann zusammen mit meiner Omi eine Poststelle geleitet.

Dann rückte die Front immer näher, aber sie durften erst auf die Flucht, als die Deutschen Soldaten auch den Rückzug antraten. Vorher hat der Gauleiter das verboten. Sie müssten alles zurücklassen, nur das Wichtigste konnte mit…

Flüchten im strengen ostpreussischen Winter mit Handkarren und Pferdegespann… Immer abseits der Strasse, die für die abziehende Wehrmacht frei zu bleiben hatte.

Sie waren mit ihrer Schwägerin und deren beiden Kindern auf dem großen Treck über das Eis am Kurischen Haff, eine Abkürzung auf dem Weg nach Westen. Der Landweg war versperrt. Eine riesengroße Halbbucht… unter ihnen das brüchige Eis, über ihnen die russischen Flieger, die auf den Treck schossen, obwohl klar war, dass es nur Zivilisten waren.

Viele Menschen haben dort ihr Leben verloren.
Entweder von Kugeln getroffen oder sie sind mit dem Pferdegespann im Eis eingebrochen und ertrunken.
Selbst Nachts mussten sie auf dem Eis bleiben, die deutschen Soldaten haben den Zivilisten verboten, das Eis zu verlassen.
Die Familien haben bei Angriffen ihre Matratzen unter die Pferdewagen gelegt, damit sie zumindest etwas geschützt waren vor den Kugeln und auch vor der Kälte des Eises.
Meine Oma hat dann den Pferdewagen runter an den Strand gelenkt, ein Soldat wollte sie zurückschicken. Sie hat dann wirklich nach seinem Gewehr gegriffen., sich den Lauf an den Kopf gehalten und ihm gesagt, er solle sie und die Kinder gleich hier erschießen, sie würde nicht zurück aufs Eis gehen….er hat sie dann passieren lassen. Wie verzweifelt und panisch muss meine Oma gewesen sein….

Mein Opa war ihr auf der Flucht keine Unterstützung, sondern als ehemaliger Soldat eher eine Gefahr. Weshalb sämtliche verdächtige Papiere vernichtet werden mussten, als sie letztendlich doch hinter die Frontlinie gerieten.

Sie hat wirklich schlimmes gesehen und erlebt, gehungert, Menschen verabschieden müssen und ihren kleinen Sohn und die 2 Kinder ihrer dann in Berlin an Typhus gestorbenen Schwägerin versorgen müssen.

Nicht zu wissen, wo man hingehen soll… Hilflos und orientierungslos mit total verstörten Kindern, für die man die Verantwortung hat, mit Tausenden von Flüchtlingen am Bahnhof in Berlin zu sitzen, überall weggeschickt zu werden, Angst vor Typhus, Cholera und Ruhr haben zu müssen und sogar von den eigenen Landsleuten angefeindet zu werden, weil niemand was zu essen oder eine Unterkunft hatte,
So hat meine Omi sich ihr Leben nicht gewünscht.

Zusammengefunden hat die Familie dann in NRW, die Kernfamilie hat bis auf den jüngsten Bruder überlebt, nur waren 2 Schwestern dann Witwen und der älteste Bruder blieb im Osten, wo er dann später in der DDR festhing.

Mein Opa arbeitete wieder im Postinnendienst, meine Omi kümmerte sich um meinen Vater und die zwei Pflegekinder. Haushalt, Nähen, Reparieren, Improvisieren…das Geld war immer knapp, es gab ja auch nix…

Trauma? Trauma Bewältigung? Dafür war keine Zeit, Die ganze Kriegsgeneration war traumatisiert…das Land lag in Trümmern, es gab nicht zu essen, es gab einfach nichts mehr. Es zählte nur noch Überleben und Wiederaufbau.
Mein Vater hat als Kind immer wieder unter dem Bett geschlafen, die Bombengefahr und der Beschuss auf dem Eis haben ihn auch geprägt.

Das Leben meiner Oma ist davon so gestört gewesen, dass sie bis zu ihrem Tod starke Beruhigungstabletten zum Schlafen geschluckt hat. Und regelmässige Mahlzeiten, sowie das ständige Parathaben einer Fluchttasche mit ALLEN wichtigen Dokumenten wurde auch später in meinem Leben Alltag.

Ihre Fluchttasche habe ich jetzt grade vor 2 Wochen erst aufgelöst und ich hatte wirklich ein bißchen Probleme, die leere Tasche in die Mülltonne zu schmeißen. Die Papiere habe ich natürlich hier, ich werde sie weiterhin hüten. das Beschämende für unser tolles Deutschland ist, dass sie meine Oma auch noch um einen Teil ihrer Rente gebracht haben, da ihr die Nachweise fehlten und selbst die mühsam beigebrachten beglaubigten  Aussagen von Überlebenden haben nicht gereicht, dass ihr die Rentenzeiten aus der Vorkriegszeit angerechnet wurden. Ich habe beim Papieresortieren den Schriftverkehr dazu gelesen. Echt der Hammer!

Die Ehe ging in die Brüche, mein Opa wurde ein notorischer Fremdgänger und überließ meiner Oma die Verantwortung für den Alltag mit den 3 Kindern. Scheidungen war gesellschaftlicher Todesstoß, grade für Frauen, so dass sie einmal die Scheidung zurücknahm. Aber letztendlich wars nur ne Verzögerung des Unausweichlichen. Nur im zweiten Anlauf bekam sie das „schuldig geschieden“ nicht mehr durch, was für sie auch eine finanzielle Absicherung gewesen wäre. Mein Opa war Postbeamte und Schwerkriegsbeschädigt. Die Rente hat dann später auch die zweite Frau meines Opas kassiert.

Mein Vater kam auch nie richtig auf Kurs, in der Schule weniger als Mittelmaß, in sich gekehrt, unkonzentriert. Die beiden Pflegekinder hingegen gingen Dank meiner Omi aufs Gymnasium und haben sich nachher von meiner Oma abgewandt, ich habe die beiden nie kennengelernt.

Mein Vater ging auch ab durch die Mitte. Vorstrafen wegen kleinerer Delikte, wegen denen heute niemand mehr ne Strafe bekommt, Frauengeschichten…ach ja…. Er kam nur, wenn er was wollte oder wenn meine Oma Unterstützung bei Renovierungen oder andere „Männeraufgaben benötigte…..Das hat sich bis zum Tod meiner Oma nicht geändert.

Allein deswegen habe ich mir geschworen, meine Omi nie im Stich zu lassen. Ihr sollte mit mir niemals dieselbe Enttäuschung passieren wie mit ihrer Nichte und ihrem Neffen und auch ihrem Sohn.

Und wir haben bis zu ihrem Tod wirklich eng zusammengelebt. Sie hat auch niemals einen neuen Partner gehabt…wir waren alleine!

Meine Omi ist für mich meine Lebensretterin gewesen, ich weiss nicht, was aus mir geworden wäre, wenn sie mich meinen verantwortungslosen Eltern überlassen hätte.

Unser erstes gemeinsames Foto stammt aus 1969. Da war meine Schwester schon geboren und ich hatte meinen ersten Heimaufenthalt schon hinter mir. Selbst an diesen Tag kann ich mich bruchstückhaft erinnern, weil ich sehr weit neben dem Kinderwagen herlaufen musste und da Omi schon mit meiner Mutter geschimpft hat, dass sie mich mit dieser langen Strecke überforderte.

Trotz viel Unterstützung durch meine Omi lief bei meinen Eltern nix so, wie es sein sollte, , meine Omi kam sogar manchmal morgens zu unserer Wohnung, um mich in den Kindergarten zu bringen. Ich hab da überall Erinnerungsschnipsel, wie wir z.B. im Dunkeln durch die Straßen laufen, mit der klassischen Kindergartentasche um den Hals.
Letztendlich trennten sich meine Eltern, meine Mutter verfrachtete uns zu ihrer Mutter und kümmerte sich nicht mehr um uns. Und meine andere Oma, total überfordert, schob uns ins Kinderheim ab, wo meine Omi uns dann rausholte.

Alle Familienmitglieder wechselten sich dann erstmal ab mit unserer Betreuung, wir waren echt Wanderpokale… Nur am Wochenende waren wir bei meiner Omi, in der Woche musste sie ja arbeiten.

Das alles könnte kein Dauerzustand sein und so wurde meine kleine Schwester bei unserer Großcousine als Pflegekind untergebracht, mich wollten sie nicht aufnehmen… und ich so blieb bei meiner Omi, die sich aufopfernd um mich gekümmert hat.

Wir lebten mehrere Jahre in einer 1ZimmerWohnung, kam Besuch, musste ich in der Küche auf dem Fußboden im Notbettenbau zwischen Tisch und Kühlschrank schlafen.

Das ist die Küche.

Wir hatten nicht viel Geld, sie war eine ungelernte Bürohilfe. Tagsüber war ich im KiGa und wenn Ferien waren oder Betreuung notwendig war, musste die Familie einspringen. Naja, meinen Hauptbabysitter hätte gerne tot umfallen dürfen, dann ginge es mir heute besser.

Meine Oma hat alles für mich gegeben, die hat mich verwöhnt, wo sie nur konnte. Mit den Mahlzeiten, mit Kuscheln, Spielen, mit Liebe und Fürsorge….

Und sie hat mich dann mit 7 Jahren nach dem monatelangen unfreiwilligen KindesEntzug durch meine Mutter und ihrem Zuhälter auch adoptiert, damit ich endlich sicher bin vor meiner Mutter.

Dadurch hatte sie noch weniger Geld, weil das Pflegegeld wegfiel.

Abends hat sie an der Nähmaschine gesessen und mir Klamotten genäht oder geflickt oder gestrickt. Ich hatte tolle Strickbikinis und sie hat mir super Karnevalskostüme angefertigt.

Und morgens um halb sieben wurde ich geweckt und im Winter stand schon meine frisch gekochte Haferflockensuppe auf dem Tisch.

Ihr Tag muss echt mehr als 24 Stunden gehabt haben.

Und wir sind wirklich bis zu ihrem Tod soooo eng verbunden gewesen…

Nur Mama konnte ich nicht sagen trotz Adoption… Sie blieb meine OMI .

Sie ist mit mir durch alle Höhen und Tiefen meines Lebens gegangen und immer konnte ich sicher sein, dass sie da war, wenn ich sie brauchte und sie mich niemals im Stich gelassen hätte.

Sie hat sogar tagelang mit mir meine Prüfungsfragen für meine Abschlussprüfung zur Drogistin durchexerziert, sie hat alle meine Freundinnen nach einer verdaddelten Disconacht in unserer 50qm Hütte schlafen lassen, während ich direkt zur Arbeit musste, sie hat meinen Liebeskummer all die Jahre immer wieder trösten müssen, trotz natürlich auch immer mal eigener Hausstände meine Wäsche gewaschen, meine Arbeitskittel gewaschen und gebügelt, meine Haare gefärbt… Ich hab ihre Haare geschnitten, sie mit Kosmetik versorgt… Sie war schon über 60, da habe ich sie noch mit ins Freibad mitgenommen und wir haben uns einen angeschwipst am hellichten Tag mit spendierte Ouzo aus den Freibadimbiss.

Kurz gesagt, mit mir zusammen hätte meine Omi alles getan. Und ich mit ihr auch.

Natürlich gabs auch mal Meinungsverschiedenheiten und ich habe zwischendurch auch mal etwas Abstand gewollt, doch nie lange.

Und jeder meiner Partner hatte dieses extrem enge Verhältnis zu meiner Omi zu akzeptieren.

Sie gehörte dazu…. Punkt.

Deshalb ist sie mit über 74 auch das erste Mal in ein Flugzeug gestiegen, um mit meinem Sohn, meiner Schwiegermutter und mir in die Türkei zu fliegen.

Eun Jahr danach habe ich eine größere Wohnung und später ein Haus gekauft, damit meine Omi wieder mit bei uns wohnen konnte.

Und ich hab mich um sie gekümmert und sie sich mit um meinen Sohn… Und das hat sie mit der gleichen Liebe und Sorgfalt getan wie bei mir.

Mein Sohn konnte keine bessere Omi haben, eigentlich war die ja seine Uromi, aber wir haben die Familiengeschichte lange ausgeklammert.

Heute habe ich ja Bilder rausgesucht und da ist mir aufgefallen, dass ich echt ähnliche Fotos mit ihr und mir und mit ihr und meinem Sohn habe.

Ich zeig euch das mal…

Karneval verkleidet

Beim Rodeln… Man bedenke, da ist sie schon 78

In Hohwacht, unser Lieblingsort, wo wir regelmässig Urlaub gemacht haben und wohin wir dann 2006 umgezogen sind.

Und am 18.April 2007 an ihrem 86. Geburtstag gab es dann dieses eine allerletzte Foto….

Sie war schon sehr krank, sie hatte sich das Essengehen in diesem Strandlokal gewünscht…ich musste sie mehr stützen als sie laufen konnte… Sie hat sich Fisch mit Salzkartoffeln bestellt und war sooo enttäuscht von dem schlechten Essen. Und wir haben nicht erkannt, dass wir die letzten gemeinsamen Tage miteinander haben.Ich habe nicht gesehen, wie sehr sie körperlich abgebaut hatte, ich war zu der Zeit selber psychisch so am Boden. Erst dieses Foto hat mir Monate später bei genauem Hinsehen im Nachhinein die Augen geöffnet.
Da war sie aber schon nicht mehr bei uns.

Wo ich das jetzt schreibe, kommen mir heute, das allererste mal seit Jahren, endlich wieder mal die Tränen.

Einen Monat später musste ich mich von ihr verabschieden… Ihr wollt nicht wissen, wie es mir ging…. Monatelang…

Sie ist oben an der Ostsee begraben, ich bin mit meinem Sohn dort wieder weggezogen, die Trauer und der Verlust haben mir diesen einen gemeinsamen Lieblingsort verdorben…

Sie bestand auf eine anonyme Bestattung… Nichts ist von ihr geblieben, ausser dem Inhalt der Fluchttasche, vielen Fotos aus unserer gemeinsamen Zeit, einem abhanden gekommenen alten Familienalbum und ihrem Gehstock und ein paar Kleidungsstücken, von denen ich mich nicht trennen möchte.

Und einiges an Küchenutensilien habe ich noch… Unter anderem ihre alte Glaschüssel, wo sie immer den leckersten Kartoffelsalat drin servierte und ihre alte Muskatnussreibe. Ich hab geweint, als mein Freund die Glasschüssel unbedacht in die Spülmaschine steckte und der Goldrand verschwand.

Diese Frau kannte kaum jemand, Sie hat selber soviel erleiden müssen und war für mich stark wie eine Löwin…

Sie hat sich früher immer gewünscht, nochmal ihre Heimat zu sehen, doch als es mir finanziell möglich war, das zu finanzieren, wollte sie es nicht mehr. Sie wollte nicht erleben müssen, dass die Realität vor Ort nach 50 Jahren nicht mehr der Erinnerung und ihren Träumen entspricht.

Ich war ihr Lebensinhalt.

Für mich war und ist sie die Personifizierung bedingungsloser Liebe und der Inbegriff von idealer Familie.

Ich vermisse sie sehr.

Und bis heute habe ich kein Bild von ihr aufgestellt, weil ich diese Trauer und den Verlust noch immer nicht ertragen kann.

Happy Birthday Omi….

I love you forever

.