Jetzt ist es schon 2 Wochen her mit meiner Zahn-OP, aber trotzdem ist es für mich nicht vorbei, weil ich unter den psychischen Folgebeschwerden immer noch leide.
Meine Nächte sind teilweise sehr kurz. ich habe Alpträume und tagsüber bin ich auch nicht so stabil wie vorher.
Ich habe eben wieder mehr Ängste, draussen zu versagen und in unangenehme Zustände zu kommen, so dass ich mich noch weigere, z.B. mit zum Wocheneinkauf zu fahren oder eine Runde Spazieren zu gehen.

Aber wie wars denn eigentlich mit der OP? Wie isses gelaufen?


Tja…wie bewertet man etwas, was man absolut nicht will und es somit gegen den eigenen Willen geschehen muss, obwohl man Todesangst davor hat?

Ja, ich gehe selber hin, ich entscheide mich schon Wochen vorher dafür und setze mich über meine Ängste und meine miesen Körperzustände hinweg wegen dem Umstand, dass es sein muss…

Weil ich keine andere Wahl habe!
Also zwinge ich mich selber…auch eine Art der Gewalt und Selbstmisshandlung.

Und für das Setzen der Narkose gebe ich dem OP Team und meiner Betreuerin ausdrücklich vorher die Erlaubnis, mich bei Abwehr ebenfalls zu zwingen und mit Gewalt auf dem OP Tisch festzuhalten. Das ist doch schon ziemlich pervers, oder?

Bis zum Termin versuche ich bestmöglichst alle Gefühle wegzudrücken, was mit Näherrücken des Datums natürlich immer schwieriger wird.
Den Nachmittag vor der OP habe ich dieses mal versuchsweise Gartenarbeit als Skill eingesetzt. Das hat ganz gut geklappt, bei vorherigen OPs habe ich nur verkrampft auf dem Sofa gelegen und auf meinen Hinrichtungstermin gewartet.

Die letzte Nacht habe ich mit CBD-Öl in Minidosierung zu entkrampfen versucht. ( CBD probiere ich sporadisch seit ein paar Monaten, habe also null verwertbare Erfahrung damit)

Und dann war der Tag da… Wir mussten 20 Kilometer fahren, meine Ambulante Wohnbetreuung hat mich pünktlich um 7:45 abgeholt und los gings.

Dieses Foto habe ich vor der Praxis im Auto gemacht, als die AWB den Parkschein holte.

So sieht Angst aus…halb wegdissoziiert, denn nur damit kann ich mich vor so einem Horrortermin auf einem erträglichen Level halten und die Kontrolle über mich bewahren.

Ich gebe hier jetzt auch nur ne grobe Beschreibung des OP Termins ab, das ist nur eine oberflächliche Zusammenfassung.

In der Praxis selber gabs dank Corona natürlich schon gleich bei der Anmeldung die erste Hürde zu bezwingen… derzeit sind Begleitpersonen ja fast überall unerwünscht.
Also schnell den Schwebi gezückt und auch den Status meiner Begleitung erklärt und dass diese bis ich ausgeknockt bin, dabei sein muss.

Im Wartezimmer kam es dann zur nächsten Diskussion, als eine Kollegin reingerauscht kam und in genervter Erwartungshaltung mit uns die Kosten der Narkose klären wollte.
Lt. Überweisung der Zahnarztpraxis handele es sich um eine Wunschnarkose. Tätääätätäääätätäää….

Nein…es handelt sich hier nicht um eine Wunschnarkose, sondern um eine medizinisch notwendige, das ist eine Falschinfo der Zahnarztpraxis! Welche der Kollegin auch echt noch telefonisch bestätigte, dass das so seine Richtigkeit hätte. Ähm, neiiiin?!

Wir haben dann nochmal den Schwebi gezückt und ein Attest meiner Psychiaterin telefonisch angefordert. Dieses Hin und Her hat mich dann aber immerhin abgelenkt und meinen Stresspegel abgesenkt, das war ein angenehmer Nebeneffekt dieser echt unnötigen Diskussionsrunde. Eigentlich hätte sie ja nur die Zahnärztin fragen müssen, die ja schon im Haus war für die Operation.

Das Anästhesie Duo selber war super, sehr verständnisvoll und es brauchte zum Glück nur wenig Anstrengung, die beiden Damen davon zu überzeugen, dass neben meiner Wohnbetreuung noch Zusatzpersonal benötigt wird zum Festhalten und der Bereich um mich herum sicherheitshalber von Gegenständen befreit sein muss, wenn die Narkosewirkung einsetzt. Sie haben dann noch einen Mann rangeholt und den Infusionsständer außer Reichweite gebracht.
Die Anästhesistin hat sogar nachgefragt, was da eigentlich passiert, dass ich so ausklinke. Leider hat sie dann auch nach dem Grund der Retraumatisierung gefragt. Die Antwort habe ich jedoch (hoffentlich) freundlich abgelehnt.
Sie war wirklich bemüht und bot auch schon vorher in der Umkleide eine langsame Sedierung an oder das vorherige Spritzen von Schmerzmitteln, um meinen unübersehbaren Stresszustand bis zur eigentlichen Narkose abzumildern..aber das geht eben leider nicht, ich brauch den schnellen Holzhammer, der auch ein Nashorn sofort umhaut.

Kaum war etwas vom Narkosemittel im Körper, ging es auch schon wie immer los mit meinem Raketenprogramm. Und 3 Frauen und ein Mann hatten alle Hände voll zu tun, mich in Schach zu halten.
Aber auch wenns für mich immer eine absolute desaströse Ausnahmesituation ist, war es diesmal wegen der Akzeptanz der Menschen für mich trotz allem angenehmer und ich hatte auch das Gefühl, dass sie mich schneller ausgeknockt haben wie die Teams der früheren Vollnarkosen.

Im Aufwachraum lief es auch ab wie immer… ich mache da weiter, wo ich vorm Knockout aufgehört habe…stressig nur für die anderen, ich selber bekomme ja lange nichts davon mit.
Die AWB erzählte mir hinterher, dass ich in den Kindermodus falle und in früheren Situationen feststecke und auch rede. Einzelheiten will ich davon aber nicht wissen.

Dieses mal habe ich einen Bauchgurt zum Selbstschutz verpasst bekommen, damit ich mich bei meinen „Fluchtversuchen“ in der Auswachphase nicht selber verletze und sie mich auch nur zu zweit in Schach halten konnten. Das ist okay für mich, Ich habe es aber zum Glück erst gemerkt, als ich losgeschnallt wurde.
Der Mann war die ganze Zeit zur Unterstützung für meine AWB dabei, bis ich wieder absolut klar war im Kopf.

Mein Fazit….ich würde diese Anästhesiepraxis wieder aufsuchen…zwar immer noch unfreiwillig, aber nicht mit so einem mega Scham- und Schuldgefühl, dass ich mich nicht unter Kontrolle halten kann.

Und mit Zahn-OPs unter Vollnarkose ist es ja leider wie im Fussball…
Nach dem Spiel ist vor dem Spiel…bis zum nächsten Mal.

Ich muss da nochmal mit der Kasse drüber sprechen…vielleicht auch mit dem Versorgungsamt (OEG)

Wenn es nach mir ginge, würden alle Zähne gezogen werden und ich hätte ein Vollgebiss, damit ich nicht mehr für solche „Lappalien“ wie Parodontosebehandung und Füllungen in die Vollnarkose muss.

Wie ich oben schon erwähnte, derzeit sitze ich noch die psychischen Nachwirkungen aus.
Mal schaun, wie lange das dauern wird…

Eure Rapunzel